Kuba 2010

Nach reger Beteiligung an den beiden Info-Treffen, bei denen Interessierte über den geplanten Austausch informiert werden, formiert sich schnell eine 16-köpfige Gruppe mit drei Begleitern von Seiten des IJEL, um die Reise anzutreten. „Nach Kuba fliegt man mit 1000 Fragen, aus Kuba zurück kommt man mit 2000“, wie recht Vladimir mit dieser Ankündigung hat, können wir zu diesem Zeitpunkt kaum erahnen. In den folgenden wöchentlichen Vorbereitungstreffen werden Fragen gesammelt und besprochen sowie Dokumentarfilme über Cubas soziale und politische Lage angeschaut. Zwei Mal haben wir die Gelegenheit, mit dem Ressigeur der Filme persönlich zu sprechen und alle unsere Fragen von einem „Experten“ beantwortet zu bekommen. Das gegenseitige Kennenlernen der Gruppe kommt dabei natürlich auch nicht zu kurz.

Wenig später, Flughafen La Habana. Bereits bei den ersten Schritten aus dem Flugzeug machen uns die feuchte, warme Luft und der neue Geruch klar: hier ist alles anders. Als endlich alle Gepäckstücke beisammen sind und alle die Flughafenkontrollposten passiert haben, wartet bereits unser Bus auf uns. Wir werden in das schöne Gästehaus der Federacion de Mujeres Cubanas gebracht, in der wir unsere ersten zwei Nächte verbringen werden.

Havanna – uns erwarten zwei Tage straffes Programm, bei dem wir uns besser kennenlernen und als Gruppe zusammenwachsen, bevor wir in Bayamo auf unsere kubanische Austauschgruppe treffen. Wir besichtigen sowohl die bekanntesten Sehenswürdigkeiten, vorrangig die detailgetreu restaurierte koloniale Altstadt und das Malecón, die berühmte Promenade der Hauptstadt. Jedoch bewegen wir uns auch abseits der typischen Touristenwege und bekommen einen Eindruck von den Kontrasten, die Havanna prägen. Auf mehreren Kunstmärkten werden bereits die ersten Andenken und Geschenke gekauft, denn, so heißt es, in Bayamo angekommen werde Schluss sein mit den konsumatorischen Möglichkeiten der Hauptstadt.

Nach einem wunderbaren Tag am Strand außerhalb der Stadt, treten wir die lange Busreise nach Bayamo an. Voll mit Eindrücken, ersten Antworten und neuen Fragen reisen wir in einer Nacht quer über die Insel. Gespannt kommen wir in der ‚Academia de Artes Plásticas‘ an, der Kunstschule mitten im Stadtzentrum, die für die nächsten zwei Wochen unser Zuhause sein wird.

Am Mittag ist es endlich soweit: Wir lernen unsere Austauschgruppe kennen. Mit Tanz, Theater und viel Musik zeigen alle, was sie können und heißen uns willkommen. Es folgen einige Kennenlernspiele, bevor die Musik aufgedreht und beim ersten Tanzen am Nachmittag das Eis endgültig gebrochen wird.

An den ersten Tagen lernen wir Bayamo kennen. Die kubanische Gruppe gibt uns einen Einblick in ihre Kultur und wir besichtigen viele historische Schauplätze, Museen und andere Sehenswürdigkeiten. Danach geht es los in die Sierra Maestra, in das Gebirge, von dem die Revolution ausging, in dem alles begann. Drei Tage verbringen wir inmitten von urwaldbewachsenen Bergen in einer wunderbaren Landschaft, baden in Flüssen, machen eine Tageswanderung zu den ehemaligen Stützpunkten der Guerilla-Kämpfer unter dem Kommando von Che und Fidel und besichtigen Bibliothek und Krankenstation des Dorfes Santo Domingo. Zurück in Bayamo geht es ereignisreich weiter:

In Bayamo bekommen wir von Mitgliedern unserer Austauschgruppe zum Beispiel Einführungen in ihre „Spezialgebiete“ und Leidenschaften, wie Kunstdruck und Casino-Tanzen. Ein Highlight ist für viele der „Familientag“, an dem wir Familie und Zuhause unserer neuen Freunde kennenlernen und auf diese Weise nochmal einen ganz neuen Einblick in das „echte Kuba“ gewinnen. Wir bedauern, dass es bei einem Tag bleiben muss, da die kubanischen Familien finanziell und auch aus Platzgründen nicht dazu in der Lage sind, uns für längere Zeit bei sich aufzunehmen.

Bei unseren vielen Ausflügen lernen wir die Städte Manzanillo und Santiago de Cuba und Jiguaní kennen, besichtigen eine Krokodilsfarm, verbringen zwei Tage am Traumstrand von Holguin und besuchen eine aus Haiti stammende Großfamilie, die als Kommune zusammenlebt und mitten auf Kuba ihre Tänze, Sprache, Musik und Gebräuche pflegt. Wo immer wir hinkommen, werden wir bereits erwartet und herzlich empfangen, es wird Musik und Tanz zum Besten gegeben, Kulturinstitutionen haben ein Programm für uns vorbereitet und stellen sich und ihre Arbeit vor. Wir sind schwer beeindruckt von so viel Mühe und Interesse an uns und hier und da wird von einem „schlechten Gewissen“ gesprochen mit Gedanken an den Gegenaustausch in Hamburg, denn unsere Stadt wird die Gruppe sicherlich nicht mit so viel menschlicher Wärme und offenen Armen empfangen.

Viel zu schnell gehen 21 ereignisreiche und eindrucksvolle Tage vorbei. In den letzten Tagen rückt der bevorstehende Abschied immer mehr in den Vordergrund, es werden persönliche Geschenke und Erinnerungen ausgetauscht, letzte Familienbesuche abgestattet und mehrere Abschiedsfeiern veranstaltet.

Bewegt treten wir die lange Heimreise an. Nichtsdestotrotz soll es einigen von uns alles Andere als leicht fallen, zurück in Deutschland einfach wieder in unseren gewohnten Alltag einzusteigen.

Wir haben uns ein kleines Stück Kuba mitgebracht. Fotos, Erinnerungen und neue Erfahrungen, aber vor allem neue Freundschaften, neue Kenntnisse, ein neues Bewusstsein darüber, wie anders die Welt sein kann, neue Begriffe von „sein“ und „haben“, von „Reichtum“ und „Armut“, von „Freiheit“. Wir haben viel gelernt, was wir auf einer gewöhnlichen Touristenreise niemals erfahren hätten- und in einer Ecke der Welt, in der sich der Alltag so sehr von dem Unseren unterscheidet, Menschen getroffen, die unsere Interessen und Hobbies, aber auch Ideen, Werte, Ängste und Träume teilen.

So warten beide Seiten auf das Wiedersehen in Hamburg, in dem wir „unseren Cubanos“ möglichst viel von all dem zurückgeben wollen, was wir von ihnen bekommen haben.